Die politischen Strukturen von Appenzell I. Rh.
Landsgemeinde - höchste Macht im Staat
Die Befreiungskriege von 1403 (Vögelinsegg oberhalb St. Gallen)
und 1405 (Stoss oberhalb Altstätten) brachten den Appenzellern
die politische Unabhängigkeit vom Abt von St. Gallen und
den mit ihm verbündeten Habsburgern. Schon 1403 fand in Appenzell
die erste Landsgemeinde statt und wählte eigene Standesbehörden.
Appenzell I. Rh. gehört zu den wenigen Kantonen, wo noch
heute jährlich unter freiem Himmel die wichtigsten politischen
Entscheide von einer Versammlung gefällt werden: An einem
einzigen Tag wählt das Stimmvolk, Frauen und Männer,
seine 7-köpfige Regierung und 13 Kantonsrichter/innen, befindet
über neue Gesetze und Ausgabenbeschlüsse. Einmal im
Jahr zeigt so das Volk seine oberste Gewalt - eine Urnenabstimmung
beispielsweise zu Sachgeschäften das Jahr hindurch gibt es
nicht.
Man mag zur Landsgemeinde stehen wie man will - ein kostengünstigeres
und rascheres Abstimmungsverfahren müsste zuerst noch erfunden
werden. Einzigartig ist zudem das Recht des freien Wortes: Unter
Geschäft 2) Bericht und Rechnung kann jede/r Stimmberechtigte
bei Bedarf öffentlich Kritik anbringen. Noch einzigartiger
aber dürfte das Recht der Einzel-Initiative sein: Um eine
Initiative an die Landsgemeinde einzureichen, braucht es keine
Unterschriftensammlung - eine fristgerechte schriftliche Eingabe
an die Ratskanzlei genügt - und der Initiant hat das Recht,
die Initiative auf dem "Landsgemeindestuhl" selber vorzustellen,
und die Abstimmung darüber ist von der Verfassung vorgeschrieben.
Die neuere Zeit hat belegt, dass diese hohen Volksrechte auch
Wirkung zeigen (Finanzreferendum und Gewaltentrennung wurden auf
diese Weise errungen.) Dies, nicht das festliche Gepränge,
unterstreicht die Bedeutung des wichtigsten politischen Anlasses
Innerrhodens, zu dem am letzten Sonntag im April alle Stimmberechtigten
per "Landsgemeindemandat" (Abstimmungsbüchlein
mit Stimmausweis) eingeladen sind. Männer können als
Stimmausweis auch den Landsgemeindedegen tragen. Die Stimmrechtskontrolle
an den Eingängen zum "Ring" auf dem Landsgemeindeplatz
ist heutzutage strikter als auch schon.
Unsere Gemeinden heissen Bezirke
Innerrhoden umfasst die Bezirke Appenzell, Schwende, Rüte,
Schlatt-Haslen, Gonten und Oberegg. Eine Woche nach der Landsgemeinde
finden die Bezirksgemeinden statt. In Appenzell tagt sie bei normalem
Wetter stets im Freien auf dem Kronengartenplatz vor dem Gemeindehaus.
Nach Bericht und Rechnungsablage stehen auch hier Wahlen und Sachabstimmungen
an: Der regierende und stillstehende Hauptmann und die 5 Bezirksräte
und Bezirksrätinnen bilden die Gemeindebehörde. Ihnen
obliegen die folgenden Bezirksaufgaben: Finanzen (Steuerhoheit),
Bauwesen, Strassenwesen, Flurwesen, Feuerpolizei, öffentliche
Anlagen (z.B. Schwimmbad Forren). Hingegen erledigt bei uns viele
wichtige Gemeindeaufgaben die kantonale Verwaltung direkt: Fürsorge,
Grundbuchamt, Zivilstandsamt, Erbschaftswesen, Gewässerschutz,
Gesundheitswesen.
Die Volksvertretung im Kanton, der Grosse Rat, umfasst 49 Frauen
und Männer. Sie werden ebenfalls von der Bezirksgemeinde
gewählt. Appenzell verfügt dort entsprechend der Bevölkerungszahl
über 18 Sitze.
Die Bezirksgemeinde wählt auch die Vertretung ins Bezirksgericht
Appenzell, das aber von allen Bezirken beschickt wird, ausser
in Oberegg, wo ein eigenes Bezirksgericht nur für Oberegg
besteht.
Demokratie auch in der Kirche
Am gleichen Abend wie die Schulgemeinde tagt vorher auch die katholische
Kirchgemeinde, wo Jahresbericht, Kassaführung, Wahl des Kirchenrates
und Sachgeschäfte wie z.B. Bauvorhaben zur Abstimmung gelangen.
Im Jahresverlauf wahrt der vierjährlich an der Urne zu wählende
Pfarreirat die Mitspracherechte des Kirchenvolkes beim Kirchenrat
und im Pfarrei-Team. Appenzell I. Rh. gehört nicht formell
zum Bistum St. Gallen, hat sich aber freiwillig der dortigen bischöflichen
Administration unterstellt. Die Kapuzinerpatres vom Kloster helfen
weitherum in der Seelsorge aus und bis 1999 führten sie auch
das Gymnasium, welches seither als Kantonsschule vom Kanton weitergeführt
wird. Auch von den Franziskanerinnen im Frauenkloster geht stiller,
aber reicher Segen ins Dorf (die Schulanlagen auf dem Gringel
stehen auf Baurechtsland des Frauenklosters).
Die evangelisch-reformierten Mitchristen unterhalten eine eigene
Kirchgemeinde und Pfarrei und kommen jährlich zur Kirchgemeindeversammlung
zusammen. Kirchenrat und Pfarramt arbeiten in manchen Bereichen
mit der zahlenmässig weit grösseren katholischen Kirchgemeinde
zusammen, z.B. mit Kursen für Erwachsene und gelegentlichen
ökumenischen Gottesdiensten. Vorbei sind die Zeiten, als
man Andersgläubige der Ketzerschaft bezichtigte und gesellschaftlich
benachteiligte (1597 gebot appenzellische Vernunft die friedliche
Trennung in Inner- und Ausserrhoden: Die Katholischen verblieben
in Innerrhoden oder hatten dorthin zu zügeln, die Evangelischen
bewohnten Ausserrhoden, "bis dass der Grund der Trennung
entfalle").
Allmenden sind hier Korporationen
Aus der Zeit der äbtischen Herrschaft resultierten mehrere
grössere Herrschaftsgebiete, die dem Abt gehört hatten.
Nach den Befreiungskriegen nutzte, wer gerade wollte, diese Wiesen,
Weiden und Wälder, bis die Regierung deren Nutzung durch
die Allgemeinheit regelte: Wer kein eigenes Land hatte, durfte
sein Kleinvieh darauf weiden lassen und das nötige Brennholz
schlagen. Später liess man auch den Bau von vorerst kleineren
(Bauern-)Häusern zu, bis dann im 19. Jahrhundert Lohnverdienst
durch unselbständige Arbeit neue VVohnbedürfnisse schuf.
Fortan wurden Einheimischen ohne eigenes Land Bauparzellen zum
Bau von eigenen Wohnhäusern überlassen. In der Korporation
Ried zog z.B. jeder Genosse per Los eine obere und eine untere
Brache: Die obere zum Heuen, die untere wenn gewünscht zum
Bebauen. Daraus ergab sich schliesslich die bundesrechtlich geschützte
Form des Bauens im Baurecht: Eine Baurechtstaxe und der jährliche
Baurechtszins entschädigen die Korporation für diese
Art der Bodennutzung. Das Heuen auf Kleinparzellen ist seit langem
überholt; grössere Wiesen-Lose werden heutzutage en
bloc interessierten Bauern verpachtet. Alles eingezonte Bauland
der Korporation Ried ist längst (mit über 200 Häusern)
überbaut. Meist am Samstag nach Ostern treffen sich die Riedgenossen
zur jährlichen Riedgemeinde beim Riedgaden (ursprünglich
Heulager-Gebäude), nehmen Bericht und Rechnung entgegen,
wählen die 5-köpfige Verwaltung und beschliessen über
Sachgeschäfte. Bis in die Siebzigerjahre hatte die Riedverwaltung
alle Strassen ihres Gebietes selber zu unterhalten, obwohl die
Riedbewohner ihre Steuern gleichwohl in voller Höhe an den
Bezirk entrichteten.
Eine ebenso weitblickende Nutzung des Allmend-Landes wandte die
Korporation Gemeinmerk Lehn-Mettlen an, die den Gewerbe- und Industriebetrieben
zwischen Sitter und Steig ebenfalls Bauland im Baurecht günstig
abgab und so viel zur Arbeitsplatz-Beschaffung beitrug. Gewerbe-
wie auch Wohnbauten im Baurecht sind frei handelbar; zur Wahrnehmung
ihres Vorkaufsrechtes (zum Marktpreis) sind die Korporationen
ermächtigt.
In Meistersrüte besteht die Korporation Mendle, die vorerst
Sumpfland meliorierte und darauf neue Bauernhöfe errichtete,
die sie pachtweise an Interessierte abgab. Später wurden
günstig gelegene Landparzellen in Strassennähe ebenfalls
im Baurecht für Wohnhäuser abgegeben. Die Mendle ist
nach Bezirken verwaltungsmässig aufgeteilt: Jeder Bezirk
hält im Anschluss an die Bezirksgemeinde jeweils gleichenorts
die Mendlegemeinde ab, wo ebenfalls Bericht, Rechnung, Wahlen
und Sachgeschäfte anfallen.
Am sichtbarsten ist wohl die althergebrachte Art des Bürgernutzens
an den Korporationen bei jenen Liegenschaften, die in einer Holzkorporation
eingeschrieben sind: Jährlich findet auch da die Korporationsgemeinde
statt und wählt die Verwaltung, deren Aufgabe vornehmlich
in der Waldbewirtschaftung und als deren Frucht in der Auszahlung
des jährlichen Nutzen-Treffnisses an die Eingeschriebenen
besteht. Als wichtigste für das Dorf Appenzell seien die
Korporationen Wilder Bann und Zahmer Bann genannt, wo sich frische
Hausbesitzer auch neu einkaufen können, sofern sie Bürger
von Appenzell sind.
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